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September 10, 2012

Wie baut man einen traditionellen Spreewald-Kahn? Hotel-Tischlermeister Abrecht Netzker hat sich an ein uraltes Handwerk gewagt

(Burg im Spreewald, 10. September 2012) Seit mehr als 600 Jahren bewegt man sich im Spreewald mit Kähnen auf dem Wasser. Die Flussarme der Spree, die hier “Fließe” heißen, haben eine einzigartige Lebenswelt aus Inseln und dem alles verbindenden Wasser geprägt. Das Phänomen dieses Binnendeltas sind die Wohninseln, die zur Heimat für das Volk der Wenden und Sorben wurden. Wasser, Natur, Brücken, Schleusen, die urigen Spreewaldhäuser und eben die traditionellen Spreewaldkähne bestimmen das Bild dieser einzigartigen Unesco-geschützten Naturregion, südlich von Berlin. Der Tischler Albrecht Netzker aus Burg hat vieles aus Holz im bekannten Wellnesshotel Zur Bleiche Resort & Spa gefertigt. Nun hat er nach alter Tradition seinen eigenen Spreewald-Kahn gebaut.

Tischler Kahnbauer Albrecht Netzker

Tischler Kahnbauer Albrecht Netzker

Albrecht Netzker ist Tischlermeister in Burg im Spreewald, 45 Jahre, Familienvater und Ur-Spreewälder. Sein Haus und seine Werkstatt liegen direkt am Wasser, Holz ist sein Element und so hat er sich einen alten Traum verwirklicht, nachdem er zunächst ausgiebig den traditionellen Spreewälder-Holzkahnbau studierte. Der geschickte Handwerker hat mit seinen Fertigkeiten auch im Hotel Zur Bleiche Resort & Spa vielen Holz-Dingen seinen Stempel aufgedrückt. Zusammen mit den Eigentümern Christine und Michael Clausing, die viele Handwerker vom Bäcker bis zum Tischler aus der Region einbeziehen, haben sie für die Gäste unter anderem die Wohlfühlliegen aus Holz mit dem besonderen Schwung zur Entspannen entwickelt. Viele Ideen wurden verwirklicht, die die ursprüngliche Nähe von Wasser und Holz im Spreewald – wie es der Name schon sagt: der Fluß Spree und der Wald – verbinden. Zahlreiche Fenster aus Holz hat Netzker hierfür gebaut, mit dem alten Riegelverschluss, auch die Holztüren und die vielen Wandverkleidungen aus langen Holzschnitten sind durch sein Handwerk entstanden. Dass der Tischlerberuf Fingerspitzengefühl verlangt, dass weiß er ganz genau und hat bei den außergewöhnlichen Herausforderungen im Hotel bewiesen. Jetzt erzählt er, was ihn zum Kahnbau bewegt hat und wie er selbst entspannt:

Einen Kahn bauen – ist das Beruf oder Berufung?
Kahnbauer war früher ein Beruf, heute leider nicht mehr, aber für einen Tischler im Spreewald liegt das natürlich nahe. Für mich ist es eine meisterliche “Königsdisziplin”.
Früher war der Kahn ein alltägliches Gebrauchs- oder Fortbewegungsmittel. Die touristische Kahnfahrt hat sich erst um die 1900 entwickelt. Schon damals kamen die Ausflugsgäste zahlreich aus Berlin.

Was ist das Besondere beim Bau eines Spreewaldkahns?
Bei diesem Handwerk kommt wenig Technik zum Einsatz, es ist fast alles traditionelle Handarbeit. Das Biegen des Holzes mit Hilfe von Feuer und Wasser ist eine der schwierigsten und zugleich spannendsten Arbeiten dabei, wodurch der Kahn seine Grundform erhält. Ich habe es erst einmal an einigen Stücken ausprobiert, bevor ich den richtigen Dreh heraus hatte.

Welches Holz wird für den Spreewaldkahn verwendet?
In der Regel Kiefernholz und oft aus der Schorfheide in Brandenburg, weil dort die Kiefern besonders alt sind, 120 bis 130 Jahre. Dann haben sie die richtige Härte und die entsprechende Länge, die wir für den Kahnbau brauchen.

Wie lange lebt so ein Kahn?
Wenn er ordentlich gearbeitet und vor allem sehr gut gepflegt ist, kann so ein Kahn 20 bis 30 Jahre alt werden.

Baupläne für einen Spreewaldkahn – woher bekommt man diese, werden sie vererbt?
Es ist ein Handwerk, welches über Generationen in der Regel mündlich weiter gegeben wurde. Ich habe mit einem Selbststudium angefangen, das war sehr wichtig! Dann habe ich einen alten Kahnbauer gefunden und oft und lange mit ihm gesprochen. Es war nicht immer einfach, aber von ihm habe ich viele wichtige Tipps bekommen, die in keinem Buch stehen.
Meine Pläne, die ich jetzt selbst entwickelt habe, die habe ich für meine Kinder archiviert und hoffe sehr, dass sie diese eines Tages selbst nutzen werden.

Kommt man mit einem Spreewaldkahn bis nach Berlin?
Ja, man kommt bis Berlin und einige haben es schon ausprobiert. Früher brachten die Bauern so Obst und Gemüse in die Hauptstadt. So eine Tour ist allerdings ein echtes Abenteuer und dauert etwa 3 bis 4 Tage. Das muss ich unbedingt auch einmal selbst machen!

Welche Maße hat der Albrecht-Netzker-Kahn?
Mein Kahn ist 7,75 Meter lang, 1,40 Meter an der breitesten Stelle und wird mit dem Holzrudel sowie nur mit der eigenen Muskelkraft gestakt, denn wir verwenden keine Paddel. Ich habe – wie fast alle – extra Sitzbänke dafür gebaut mit Lehnen und Tisch, die ich fest montieren kann, denn zu einer geselligen Spreewaldfahrt mit der Familie oder zu der man sich Freunde einlädt, gehört auch was für den Gaumen. Das machen wir hier sehr gerne so.

Dann schnappt er sich das Rudel und legt von seiner eigenen Kahnanlegestelle ab. Vielleicht fährt er nochmals zum Hotel Zur Bleiche, dort wartet stets eine neue Aufgabe auf ihn. Wenn man Glück hat, dann ist Albrecht Netzker vor Ort, im Hotel, und man kann sich vom dem Spreewälder viel über alte Traditionen, Geschichten, Sagen, die Natur und die Schönheiten des Spreewaldes erzählen lassen.

Die Quellen des etwa 400 Kilometer langen Flusses Spree liegen im Lausitzer Bergland, nahe der tschechischen Grenze. Die Spree durchquert bis zu ihrem einzigartigen Binnendelta im Spreewald die Bundesländer Sachsen und Brandenburg, bevor sie sich auf dem Weg nach Berlin wieder bündelt und dort schließlich in der Havel mündet. Im Spreewald teilt sich der Fluss in hunderte von Kilometern verzweigte Flussarme, Fließe genannt, und hat dabei diese fruchtbare, eigenwillige Kulturlandschaft auf einer Fläche von 479 Quadratkilometer ausgeprägt. Das Wasser ist stets in Bewegung und auch Heimat für seltene Tier- und Pflanzenarten. Die Natur im Spreewald ist prächtig und nicht nur die Heimat des Wappentiers, der Störche, die alljährlich in großer Zahl ihre Jungen hier aufziehen. Die artenreichen feuchten Wiesen, das Wasser, die Wald-, Ufer- und Moorbereiche sind Heimat für über 250 Vogelarten, davon 150 Brutvögel, die in den letzten zehn Jahren beobachtet wurden. Seltene Pflanzen, darunter herrlich blühende Seerosen, Königsfarn oder Sonnentau, wachsen im Spreewald und fühlen sich in der Gesellschaft von mitunter lautstarken Rotbauchunken, Moor- oder Grasfrösche sagenhaft wohl. Der Spreewald – eine faszinierende Naturregion mitten in Europa.

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